Berufsförderungswerk Frankfurt am Main

Kompetenz für Integration

Reha-KomIn®

Reha- und Integrationsmanagement

BFW-Absolventen präsentieren ihren Weg...

Oft motivieren praktische Beispiele mehr als alle Theorie. Deshalb präsentieren hier Absolventen ihren persönlichen Weg.

Karl-Heinz Stabler - Das neue Leben

Karl-Heinz Stabler„Ich bin 36 Jahre alt und absolviere seit September 2004 eine Umschulung zum Bürokaufmann im Berufsförderungswerk (BFW) Frankfurt am Main in Bad Vilbel.

Lange Jahre war ich bei der Bundeswehr im Bereich Flugsicherung tätig. Als Vorgesetzter war ich für viele Soldaten ein Vorbild und musste auch Menschen führen.

Im Jahr 2000 hatte ich einen schweren Autounfall, der mir ein neues Leben schenkte. Ich wollte am Karfreitag, ohne Begleitung, meine Mutter in einem 300 km entfernten Ort besuchen. Leider sagte ich nicht Bescheid, als ich losfuhr…denn ich kam nie an! Auf der Autobahn platzte mir ein Reifen. Mein Auto überschlug sich drei Mal und rutschte ein Gefälle nach oben. So, jetzt hatte ich ein Problem, ohne es zu wissen, aber nicht nur ich, denn die Polizei konnte das, was von mir übrig war, nirgends zuordnen. Meine Mutter wohnte in der anderen Stadt und mein Vater war in Urlaub. Ich habe meinem Freund aus Mannheim viel zu verdanken, denn er schaltete sich mit seinem Großvater (ehemaliger Arzt) ein. Seine Telefonnummer hatte die Polizei bei mir gefunden. Nach neun Wochen Koma kam ich langsam wieder zu mir. Ich hatte keine Erinnerungen mehr, konnte nicht sprechen, saß im Rollstuhl. Tätigkeiten, die für andere selbstverständlich sind, wie z. B. Essen oder das Waschen, musste ich wieder lernen. Was aber noch schlimmer war – ich erkannte mir früher vertraute Personen nicht mehr. Wer war die Frau, die neben meinem Bett stand? Und die sympathische Frau neben ihr? Es waren meine Mutter und meine Freundin – einige Erinnerungen kamen durch deren dauernde Anwesenheit, ihre Erzählungen und Bilder nach einiger Zeit wieder. Als sie mir von dem Unfall erzählten, war meine schlimmste Befürchtung, dass noch jemand zu Schaden gekommen sein könnte. Das war aber zum Glück nicht der Fall, es war „nur“ mein Auto, das total zerstört wurde.

Mit meiner damaligen Freundin ging ich oft die Erlebnisse unserer gemeinsamen Vergangenheit durch und ich konnte mich, nach einiger Zeit, auch wieder an unseren Urlaub ein Jahr zuvor erinnern. Diese Partnerschaft hat mir in meiner „Aufbauphase“ sehr geholfen. Dieser Mensch hat ein unwahrscheinlich großes Herz. Wenn ich in dieser Zeit alleine gewesen wäre ….ich habe ihr sehr viel zu verdanken.

Ich war manchmal sehr frustriert und verzweifelt. Es ist schrecklich, man kann es sich folgendermaßen vorstellen: Man wird nach einem langen Schlaf wach, kann und weiß nichts mehr. Ein Alptraum!!! Man sieht eine Zahnbürste und fragt sich: „Was ist das und was kann man damit machen? Oder was noch schlimmer war – ich erkannte vorübergehend meine Mutter und meine Freundin nicht mehr. Es wurde mir gesagt: Dies ist deine Freundin. Wenn ich so darüber nachdenke, finde ich diese Geschehnisse erschreckend.

Im Verlauf meiner Rehabilitation wurden viele verschiedene Ärzte und Therapeuten eingeschaltet. Das hat mich überleben lassen, denn ich hatte kein eigenes Handeln mehr. Du musst aber ein eigenes Handeln entwickeln, denn irgendwann ist die fremde Hilfe nicht mehr da und man muss allein klar kommen. In meiner Situation hatte ich damals kein eigenes Handeln mehr. Ohne fremde Hilfe ging nichts mehr. Dann habe ich mich auf mich selbst konzentriert und die vielen Einschränkungen einfach nicht mehr gesehen. Ich hatte zum Beispiel monate-lang ein Brummen im rechten Ohr, das mich sehr durcheinander gebracht hat – ich habe es einfach nicht mehr beachtet und ich kann mich an das letzte störende Geräusch im Ohr nicht mehr erinnern. Auf dem anderen Ohr hörte ich mit Einschränkungen – dann habe ich eben nachgefragt, wenn ich etwas nicht verstanden habe. Ansonsten habe ich keine körperlichen Einschränkungen mehr, nur mein Streckmuskel im Ellbogen ist verkürzt und das wirkt sich kaum aus…….
Insgesamt verbrachte ich zwei Jahre in diversen Krankenhäusern und Rehabilitationszentren, die mich wieder auf die Beine stellten. Es war eine sehr schwere Zeit, denn ich brauchte bei allem, was für Gesunde selbstverständlich ist, Hilfe. Aber mit meinem starken Willen und der Unterstützung der Menschen, die an mich glaubten, schaffte ich es, fast wieder der zu werden, der ich einmal war. Oft hatte ich den Gedanken: Jetzt machst du es halt noch einmal und wenn es der vierte Versuch war, ich hatte die Geduld!

Und alles Negative hat auch seine positiven Seiten. Dieses schreckliche Ereignis hatte vorübergehend vieles aus meinem Gedächtnis gelöscht, u. a. auch, dass ich früher die Sucht nach Nikotin hatte und diese Erinnerungen kamen zum Glück nicht wieder. Als ich wieder wach wurde, hatte ich kein Verlangen mehr nach einer Zigarette und das ist bis heute so.

Den alten Beruf konnte ich nicht mehr ausführen, weil ich die Verantwortung nicht mehr tragen konnte, für die Sicherheit anderer Menschen zuständig zu sein... Aufgrund meiner Einschränkungen bewilligte mir die Bundeswehr eine Umschulung als Bürokaufmann im Berufsförderungswerk Frankfurt am Main.

Natürlich wusste ich nicht, was bei der Umschulung auf mich zukommt und ich hatte Angst. Mir unbekannte Aufgaben waren fürchterlich zu ertragen und der Beginn meines neuen Lebens war voll davon. Diese Angst machte mich oft unsicher und wirkte sich auf das Tagesgeschehen und auf die neuen Aufgaben aus.

In der ersten Zeit meiner Ausbildung war ich im Internat des BFW untergebracht. Bei sehr vielem wird Hilfe gestellt. Die Zimmer werden gereinigt, man bekommt in der Kantine täglich Mahlzeiten - man braucht nichts einzukaufen, vieles steht bereit.

Im Lauf der Zeit wurde ich jedoch selbstsicherer, traute mir wieder mehr zu. Mir gefielen die Ausbildungsmethoden und die Erfolge, die ich dadurch erzielte. Eine Ausbilderin hat es geschafft, mein Interesse am Lernen zu wecken. Das alles hat mich sehr motiviert und zeigte sich auch dadurch, dass ich von unserer Gruppe zum Gruppensprecher gewählt wurde. Ich bin in dieser Funktion Bindeglied zwischen Gruppenmitgliedern und Ausbildern. Oft habe ich Menschen, die in Not waren, mit Rat und Tat zur Seite gestanden.

In meiner weiteren Entwicklung hat mir das BFW sehr geholfen. Ich habe gesehen, dass es hier Teilnehmer mit den verschiedensten Beeinträchtigungen gibt, habe Rücksicht und Toleranz erlebt. Ich habe auch festgestellt, dass man sich selbst nicht so ernst nehmen sollte und dass man Dinge, die man sowieso erledigen muss, auch mit etwas mehr Freude umsetzen kann. Manchmal ist auch ein gesunder Egoismus wichtig, aber trotzdem sollte man immer ein offenes Ohr für seine Mitmenschen haben. Es ist doch ein Geschenk nett und höflich sein zu können, wenn der eigene Körper dies zulässt. Denn ich kenne den Zustand, gefangen im Rollstuhl zu sitzen und Gedanken zu haben, sie aber nicht äußern zu können.

Im BFW steht das miteinander Leben und die gegenseitige Akzeptanz an der Tagesordnung. Man nimmt aufeinander Rücksicht, bringt einem kranken Kollegen einen Tee aufs Zimmer. Man kann sich zu gemeinsamen Sportaktivitäten im Haus verabreden, abends die PC-Freizeit (mögliches Computertraining) besuchen, es gibt eine Kegelbahn, Tischfußball, Billard oder man trifft sich auf ein Schwätzchen in der Teestube (geselliges Beisammensein).

Je mehr ich an Selbstsicherheit während der Ausbildung gewann, umso wichtiger wurde es mir, auch im Privatbereich wieder selbständiger zu werden. Deshalb suchte ich mir eine eigene Wohnung in der Nähe des BFW. Mir ist es heute möglich einen Haushalt zu führen. Jeden Tag stehe ich zwei Stunden vor Ausbildungsbeginn auf, um meine Gymnastik, meine Sprachübungen und meine Gleichgewichtsübungen mit Freude zu absolvieren. Denn ich k a n n und will sie machen. Es gibt keinen Hilferuf mehr von mir, weil ich es jetzt allein schaffe. Gerne mache ich auch täglich einen 30-minütigen Spaziergang zu meinem Ausbildungsort, weil ich das Geschenk, gehen zu können, wieder bekommen habe.

Wie oft hört man heutzutage: „Das geht nicht, das ist schlecht, das funktioniert nicht!!“ Das BFW hat mir gezeigt, dass doch vieles geht. Ich bin zum positiven, denkenden Menschen geworden. Jetzt sehe ich oft: „Das kann ich ja!“ Das ist sehr motivierend. Ich habe mich wieder ins Leben „zurückgekämpft“, man sollte mehr das sehen, was man kann und nicht das, was man nicht kann. Mit der richtigen Einstellung kann man alles schaffen. Nur ein weiteres Beispiel dafür:

Früher spielte ich in meiner Freizeit Eishockey und stand schon im Alter von sechs Jahren auf dem Eis. Ich war ca. 14 Jahre aktiv und spielte mit voller Leidenschaft in zwei Vereinen. Umso deprimierender war es, da mir das Schlittschuhlaufen nach dem Unfall genommen wurde. Es war unmöglich für mich. Seit dem Unfall war ich zwei Mal auf dem Eis. Das erste Mal lief ich wie auf rohen Eiern und war froh, danach wieder in die Umkleidekabine flüchten zu können. Beim zweiten Mal ging es schon sehr viel besser, aber ich war immer noch sehr unsicher. Auf das nächste Mal freue ich mich schon.

Zusammenfassend kann ich sagen: Gesundheitlich hat mir die Bundeswehr wieder auf die Füße geholfen. Das Zwischenmenschliche konnte ich erst im BFW lernen, weil ich nach einiger Zeit, als es mir besser ging, als Berufspendler mehr Zeit im Auto, als mit den Soldaten verbrachte.

An dieser Stelle möchte ich eine Stellungnahme eines mich betreuenden Psychologen des BFW anführen. Noch vor Beginn der Ausbildung war er der Meinung, dass meine Prognose für den Ausbildungserfolg durch meine ganzen medizinischen Einschränkungen ungünstig sei. Ich wollte die Ausbildung trotzdem beginnen – und hier ist seine heutige Einschätzung: „Aufgrund der besonderen gesundheitlichen Bedingungen war der Rehabilitand zum Beginn der Ausbildung noch stark eingeschränkt. Als ich meine Meinung äußerte, an weiteren medizinisch orientierten Maßnahmen teilzunehmen, wurde er nervös und ungeduldig; für ihn war zu diesem Zeitpunkt klar, dass er jetzt mit der Ausbildung beginnen wollte und er war voller Zuversicht, alle „im Weg stehende Hürden auch erfolgreich zu überspringen“. Die medizinische Rehabilitation war für ihn zu diesem Zeitpunkt gedanklich abgeschlossen. Die wesentliche Voraussetzung für den Ausbildungserfolg ist der Wille und sich auch von eventuellen Rückschlägen nicht beeinflussen zu lassen.“

Da ich oft gegen den Strom schwimme, mache ich oft, laut Meinung der anderen Menschen, Fehler oder ungewöhnliche Dinge. Aber an jedem Fehler wachse ich und mein Erfahrungsschatz wird immer größer. Ich gebe diesen Dingen weniger Bedeutung und gehe selbstbewusster durch das Leben. Denn das Leben besteht fast nur aus Erfahrungen. Oft habe ich aber Schwierigkeiten, weil Menschen etwas sagen, was sie gar nicht meinen.

Und ich habe wieder Hoffnung, was meine berufliche Zukunft anbelangt.
Ich wünsche mir, dass mehr Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen die Möglichkeit gegeben wird, in einem Berufsförderungswerk eine Umschulung zu machen, um wieder einen Sinn in ihrem Leben zu sehen und nicht deprimiert zu Hause zu sitzen. In einem angemessen Rahmen kann man eine Umschulung erfolgreich angehen. Es gibt hier viele Mitarbeiter mit Verständnis für die jeweilige Situation und DU als Rehabilitand wirst gefördert, wenn Du den Willen und die Kraft aufbringen kannst.“

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