News & Termine
Startschuss für wohnortnahe berufliche Eingliederungsangebote für Blinde und Sehbehinderte
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10.06.2010
J.P. Morgan Corporate Challenge 2010 - BFW zum zehnten Mal in Folge am Start gewesen
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08.06.2010
Sprung ins zweite Berufsleben - 247 Absolventen haben das BFW Frankfurt am Main im Frühsommer 2010 verlassen
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Reha- und Integrationsmanagement
BFW-Absolventen präsentieren ihren Weg...
Oft motivieren praktische Beispiele mehr als alle Theorie. Deshalb präsentieren hier Absolventen ihren persönlichen Weg.
Karl-Heinz Stabler - Das neue Leben
„Ich bin 36 Jahre
alt und absolviere seit September 2004 eine Umschulung zum Bürokaufmann
im Berufsförderungswerk (BFW) Frankfurt am Main in Bad Vilbel.
Lange Jahre war ich bei der Bundeswehr im Bereich Flugsicherung tätig.
Als Vorgesetzter war ich für viele Soldaten ein Vorbild und musste auch
Menschen führen.
Im Jahr 2000 hatte ich einen schweren Autounfall, der mir ein neues
Leben schenkte. Ich wollte am Karfreitag, ohne Begleitung, meine Mutter
in einem 300 km entfernten Ort besuchen. Leider sagte ich nicht
Bescheid, als ich losfuhr…denn ich kam nie an! Auf der Autobahn platzte
mir ein Reifen. Mein Auto überschlug sich drei Mal und rutschte ein
Gefälle nach oben. So, jetzt hatte ich ein Problem, ohne es zu wissen,
aber nicht nur ich, denn die Polizei konnte das, was von mir übrig war,
nirgends zuordnen. Meine Mutter wohnte in der anderen Stadt und mein
Vater war in Urlaub. Ich habe meinem Freund aus Mannheim viel zu
verdanken, denn er schaltete sich mit seinem Großvater (ehemaliger Arzt)
ein. Seine Telefonnummer hatte die Polizei bei mir gefunden. Nach neun
Wochen Koma kam ich langsam wieder zu mir. Ich hatte keine Erinnerungen
mehr, konnte nicht sprechen, saß im Rollstuhl. Tätigkeiten, die für
andere selbstverständlich sind, wie z. B. Essen oder das Waschen, musste
ich wieder lernen. Was aber noch schlimmer war – ich erkannte mir früher
vertraute Personen nicht mehr. Wer war die Frau, die neben meinem Bett
stand? Und die sympathische Frau neben ihr? Es waren meine Mutter und
meine Freundin – einige Erinnerungen kamen durch deren dauernde
Anwesenheit, ihre Erzählungen und Bilder nach einiger Zeit wieder. Als
sie mir von dem Unfall erzählten, war meine schlimmste Befürchtung, dass
noch jemand zu Schaden gekommen sein könnte. Das war aber zum Glück
nicht der Fall, es war „nur“ mein Auto, das total zerstört wurde.
Mit meiner damaligen Freundin ging ich oft die Erlebnisse unserer
gemeinsamen Vergangenheit durch und ich konnte mich, nach einiger Zeit,
auch wieder an unseren Urlaub ein Jahr zuvor erinnern. Diese
Partnerschaft hat mir in meiner „Aufbauphase“ sehr geholfen. Dieser
Mensch hat ein unwahrscheinlich großes Herz. Wenn ich in dieser Zeit
alleine gewesen wäre ….ich habe ihr sehr viel zu verdanken.
Ich
war manchmal sehr frustriert und verzweifelt. Es ist schrecklich, man
kann es sich folgendermaßen vorstellen: Man wird nach einem langen
Schlaf wach, kann und weiß nichts mehr. Ein Alptraum!!! Man sieht eine
Zahnbürste und fragt sich: „Was ist das und was kann man damit machen?
Oder was noch schlimmer war – ich erkannte vorübergehend meine Mutter
und meine Freundin nicht mehr. Es wurde mir gesagt: Dies ist deine
Freundin. Wenn ich so darüber nachdenke, finde ich diese Geschehnisse
erschreckend.
Im Verlauf meiner Rehabilitation wurden viele verschiedene Ärzte und
Therapeuten eingeschaltet. Das hat mich überleben lassen, denn ich hatte
kein eigenes Handeln mehr. Du musst aber ein eigenes Handeln entwickeln,
denn irgendwann ist die fremde Hilfe nicht mehr da und man muss allein
klar kommen. In meiner Situation hatte ich damals kein eigenes Handeln
mehr. Ohne fremde Hilfe ging nichts mehr. Dann habe ich mich auf mich
selbst konzentriert und die vielen Einschränkungen einfach nicht mehr
gesehen. Ich hatte zum Beispiel monate-lang ein Brummen im rechten Ohr,
das mich sehr durcheinander gebracht hat – ich habe es einfach nicht
mehr beachtet und ich kann mich an das letzte störende Geräusch im Ohr
nicht mehr erinnern. Auf dem anderen Ohr hörte ich mit Einschränkungen –
dann habe ich eben nachgefragt, wenn ich etwas nicht verstanden habe.
Ansonsten habe ich keine körperlichen Einschränkungen mehr, nur mein
Streckmuskel im Ellbogen ist verkürzt und das wirkt sich kaum aus…….
Insgesamt verbrachte ich zwei Jahre in diversen Krankenhäusern und
Rehabilitationszentren, die mich wieder auf die Beine stellten. Es war
eine sehr schwere Zeit, denn ich brauchte bei allem, was für Gesunde
selbstverständlich ist, Hilfe. Aber mit meinem starken Willen und der
Unterstützung der Menschen, die an mich glaubten, schaffte ich es, fast
wieder der zu werden, der ich einmal war. Oft hatte ich den Gedanken:
Jetzt machst du es halt noch einmal und wenn es der vierte Versuch war,
ich hatte die Geduld!
Und alles Negative hat auch seine positiven Seiten. Dieses schreckliche
Ereignis hatte vorübergehend vieles aus meinem Gedächtnis gelöscht, u.
a. auch, dass ich früher die Sucht nach Nikotin hatte und diese
Erinnerungen kamen zum Glück nicht wieder. Als ich wieder wach wurde,
hatte ich kein Verlangen mehr nach einer Zigarette und das ist bis heute
so.
Den alten Beruf konnte ich nicht mehr ausführen, weil ich die
Verantwortung nicht mehr tragen konnte, für die Sicherheit anderer
Menschen zuständig zu sein... Aufgrund meiner Einschränkungen bewilligte
mir die Bundeswehr eine Umschulung als Bürokaufmann im
Berufsförderungswerk Frankfurt am Main.
Natürlich wusste ich nicht, was bei der Umschulung auf mich zukommt und
ich hatte Angst. Mir unbekannte Aufgaben waren fürchterlich zu ertragen
und der Beginn meines neuen Lebens war voll davon. Diese Angst machte
mich oft unsicher und wirkte sich auf das Tagesgeschehen und auf die
neuen Aufgaben aus.
In der ersten Zeit meiner Ausbildung war ich im Internat des BFW
untergebracht. Bei sehr vielem wird Hilfe gestellt. Die Zimmer werden
gereinigt, man bekommt in der Kantine täglich Mahlzeiten - man braucht
nichts einzukaufen, vieles steht bereit.
Im Lauf der Zeit wurde ich jedoch selbstsicherer, traute mir wieder mehr
zu. Mir gefielen die Ausbildungsmethoden und die Erfolge, die ich
dadurch erzielte. Eine Ausbilderin hat es geschafft, mein Interesse am
Lernen zu wecken. Das alles hat mich sehr motiviert und zeigte sich auch
dadurch, dass ich von unserer Gruppe zum Gruppensprecher gewählt wurde.
Ich bin in dieser Funktion Bindeglied zwischen Gruppenmitgliedern und
Ausbildern. Oft habe ich Menschen, die in Not waren, mit Rat und Tat zur
Seite gestanden.
In meiner weiteren Entwicklung hat mir das BFW sehr geholfen. Ich habe
gesehen, dass es hier Teilnehmer mit den verschiedensten
Beeinträchtigungen gibt, habe Rücksicht und Toleranz erlebt. Ich habe
auch festgestellt, dass man sich selbst nicht so ernst nehmen sollte und
dass man Dinge, die man sowieso erledigen muss, auch mit etwas mehr
Freude umsetzen kann. Manchmal ist auch ein gesunder Egoismus wichtig,
aber trotzdem sollte man immer ein offenes Ohr für seine Mitmenschen
haben. Es ist doch ein Geschenk nett und höflich sein zu können, wenn
der eigene Körper dies zulässt. Denn ich kenne den Zustand, gefangen im
Rollstuhl zu sitzen und Gedanken zu haben, sie aber nicht äußern zu
können.
Im BFW steht das miteinander Leben und die gegenseitige Akzeptanz an der
Tagesordnung. Man nimmt aufeinander Rücksicht, bringt einem kranken
Kollegen einen Tee aufs Zimmer. Man kann sich zu gemeinsamen
Sportaktivitäten im Haus verabreden, abends die PC-Freizeit (mögliches
Computertraining) besuchen, es gibt eine Kegelbahn, Tischfußball,
Billard oder man trifft sich auf ein Schwätzchen in der Teestube
(geselliges Beisammensein).
Je mehr ich an Selbstsicherheit während der Ausbildung gewann, umso
wichtiger wurde es mir, auch im Privatbereich wieder selbständiger zu
werden. Deshalb suchte ich mir eine eigene Wohnung in der Nähe des BFW.
Mir ist es heute möglich einen Haushalt zu führen. Jeden Tag stehe ich
zwei Stunden vor Ausbildungsbeginn auf, um meine Gymnastik, meine
Sprachübungen und meine Gleichgewichtsübungen mit Freude zu absolvieren.
Denn ich k a n n und will sie machen. Es gibt keinen Hilferuf mehr von
mir, weil ich es jetzt allein schaffe. Gerne mache ich auch täglich
einen 30-minütigen Spaziergang zu meinem Ausbildungsort, weil ich das
Geschenk, gehen zu können, wieder bekommen habe.
Wie oft hört man heutzutage: „Das geht nicht, das ist schlecht, das
funktioniert nicht!!“ Das BFW hat mir gezeigt, dass doch vieles geht.
Ich bin zum positiven, denkenden Menschen geworden. Jetzt sehe ich oft:
„Das kann ich ja!“ Das ist sehr motivierend. Ich habe mich wieder ins
Leben „zurückgekämpft“, man sollte mehr das sehen, was man kann und
nicht das, was man nicht kann. Mit der richtigen Einstellung kann man
alles schaffen. Nur ein weiteres Beispiel dafür:
Früher spielte ich in meiner Freizeit Eishockey und stand schon im Alter
von sechs Jahren auf dem Eis. Ich war ca. 14 Jahre aktiv und spielte mit
voller Leidenschaft in zwei Vereinen. Umso deprimierender war es, da mir
das Schlittschuhlaufen nach dem Unfall genommen wurde. Es war unmöglich
für mich. Seit dem Unfall war ich zwei Mal auf dem Eis. Das erste Mal
lief ich wie auf rohen Eiern und war froh, danach wieder in die
Umkleidekabine flüchten zu können. Beim zweiten Mal ging es schon sehr
viel besser, aber ich war immer noch sehr unsicher. Auf das nächste Mal
freue ich mich schon.
Zusammenfassend kann ich sagen: Gesundheitlich hat mir die Bundeswehr
wieder auf die Füße geholfen. Das Zwischenmenschliche konnte ich erst im
BFW lernen, weil ich nach einiger Zeit, als es mir besser ging, als
Berufspendler mehr Zeit im Auto, als mit den Soldaten verbrachte.
An
dieser Stelle möchte ich eine Stellungnahme eines mich betreuenden
Psychologen des BFW anführen. Noch vor Beginn der Ausbildung war er der
Meinung, dass meine Prognose für den Ausbildungserfolg durch meine
ganzen medizinischen Einschränkungen ungünstig sei. Ich wollte die
Ausbildung trotzdem beginnen – und hier ist seine heutige Einschätzung:
„Aufgrund der besonderen gesundheitlichen Bedingungen war der
Rehabilitand zum Beginn der Ausbildung noch stark eingeschränkt. Als ich
meine Meinung äußerte, an weiteren medizinisch orientierten Maßnahmen
teilzunehmen, wurde er nervös und ungeduldig; für ihn war zu diesem
Zeitpunkt klar, dass er jetzt mit der Ausbildung beginnen wollte und er
war voller Zuversicht, alle „im Weg stehende Hürden auch erfolgreich zu
überspringen“. Die medizinische Rehabilitation war für ihn zu diesem
Zeitpunkt gedanklich abgeschlossen. Die wesentliche Voraussetzung für
den Ausbildungserfolg ist der Wille und sich auch von eventuellen
Rückschlägen nicht beeinflussen zu lassen.“
Da ich oft gegen den Strom schwimme, mache ich oft, laut Meinung der
anderen Menschen, Fehler oder ungewöhnliche Dinge. Aber an jedem Fehler
wachse ich und mein Erfahrungsschatz wird immer größer. Ich gebe diesen
Dingen weniger Bedeutung und gehe selbstbewusster durch das Leben. Denn
das Leben besteht fast nur aus Erfahrungen. Oft habe ich aber
Schwierigkeiten, weil Menschen etwas sagen, was sie gar nicht meinen.
Und ich habe wieder Hoffnung, was meine berufliche Zukunft anbelangt.
Ich wünsche mir, dass mehr Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen
die Möglichkeit gegeben wird, in einem Berufsförderungswerk eine
Umschulung zu machen, um wieder einen Sinn in ihrem Leben zu sehen und
nicht deprimiert zu Hause zu sitzen. In einem angemessen Rahmen kann man
eine Umschulung erfolgreich angehen. Es gibt hier viele Mitarbeiter mit
Verständnis für die jeweilige Situation und DU als Rehabilitand wirst
gefördert, wenn Du den Willen und die Kraft aufbringen kannst.“


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